Barrierefreies Reisen in die Anderswelt I

2007
03.02

Bei der Lidocain-Metamizol-Infusion am Mittwoch ist alles gut gegangen – aus medizinischer Sicht. Den kleinen Piekser hab ich kaum, den Rest der Infusion gar nicht gespürt. Einzig das automatische Blutdruckmessen war mehr als unangenehm. Für eine Patientin wie mich, deren ganzer Körper extrem Druckschmerzempfindlich ist, war das die Hölle. Das Teil pumpt die Armmanschette so stark auf, dass mir zeitweise die Tränen kamen – da werde ich nächste Woche fragen, ob das nicht anders geht.

Auf der Heimfahrt wurde mir dann recht schnell klar, warum man mit dem Zeugs nicht Autofahren soll – ja, warum man sogar gar nicht allein unterwegs sein soll. Den Zustand zu beschreiben, ist allerdings nicht einfach – ich fühlte mich irgendwo zwischen leicht schwipsig und schwebend. Für den Nachmittag habe ich deshalb meine Termine abgesagt und die Eindrücke genossen.

Wenn ich das körperliche Empfinden beschreiben soll, dann würde ich es als eine Art von Seekrankheit (Kinetose) bezeichnen. Als Ursache der Reisekrankheit ist gemeinhin anerkannt, dass die über den Gleichgewichtssinn im Innenohr wahrgenommenen Bewegungen bzw. Beschleunigungen (Schaukeln, Stöße, etc.) in Konflikt stehen mit den Eindrücken, die andere Sinnesorgane wie z.B. die Augen vermitteln. Mir war leicht übel und flau in der Magengegend – ein relativ normales Gefühl, was sicher jeder kennt, und doch fühlte es völlig anders an, als sonst. Sobald ich die Augen schloss, war das Gefühl innerhalb von wenigen Minuten verschwunden und es passierten sehr merkwürdige Dinge.

Alle Körperempfindungen änderten sich – wo eben noch ein festes Sofa unter meinem Hintern und Rücken war, spürte ich jetzt eine… Wolke? – ja, doch, das Wort beschreibt es ganz gut – ich fühlte mich, als würde ich auf einer dieser typischen Frischkäse-Werbewolken liegen. Es ist allerdings auch möglich, dass ich einfach ein paar Millimeter über dem Sofa schwebte, und so das körpereigene Gewicht nicht mehr so deutlich zu spüren war.

Was dann folgte kann ich im Moment noch nicht wirklich einordnen (ich weiß auch nicht, ob ich das muss oder will). War es ein spontaner luzider Traum, eine ausserkörperliche Erfahrung oder war es ein Übertritt in eine andere Dimension? Das einzige, was ich ausschließen kann, ist ein normaler Traum. Am Anfang spielte ich mit diesem Zustand nur sehr vorsichtig – ich erhob mich über meinen Körper, flog ein wenig im Zimmer herum, teste die Durchlässigkeit von Wänden und geschlossenen Fenstern und fühlte mich dabei sehr wohl und fast euphorisch.

Als ich, immer mutiger werdend, nach draußen flog, wurde ich vom Wind durchgepustet und leider auch nass vom Regen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich das Wetter beeinflusst habe oder eine Art Schutzschild um mich aufgebaut habe – auf jeden Fall habe ich mir wärmeres und trockeneres Wetter gewünscht und bekommen. Fliegend habe ich dann die nähere Umgebung erkundet und habe mit einigen Vögeln ein Luftballet getanzt. Im Garten habe ich dann bei den Apfelbäumen getestet, ob die Äste mich tragen oder ob sie ähnlich durchlässig sind, wie die Wände. Es war wirklich faszinierend – die Entscheidung wie Materie sich verhält, liegt bei mir. Wenn ich durch den Baum hindurchgleiten wollte, dann ging das ohne Probleme – wenn ich auf winzigen Ästchen landen wollte, brachen diese nicht unter meinem Gewicht, sondern trugen mich sicher. Meine Körpergröße schien sich auch den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, wenn ich überhaupt noch einen Körper hatte.

Fortsetzung folgt….

2 Responses to “Barrierefreies Reisen in die Anderswelt I”

  1. Eliane sagt:

    Danke Lilia für deine Beschreibung.

    Manchmal tut es gut zu „erleben“ dass wir zwar erdgebunden sind, uns aber nicht immer an sie „fesseln“ müssen.

    Einen lieben Gruß
    Eliane

  2. Poah, krass – aber spannend zu lesen! 🙂
    LG BärenSchwester

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